„Wo sie ruhen“ – Beitrag in Politik & Kultur

Verstummtes zum Sprechen bringen

Wenige Dinge haben die Zeiten überdauert. Seit der Mensch auf der Erde existiert, begräbt er seine Toten und führt dabei kultische Handlungen durch. Bis heute ist er das einzige Lebewesen des Planeten, welches Totenkulte kennt. Verstorbene werden dem Jenseits übergeben. Zunächst sollte der Weg vom Diesseits ins Jenseits und vor allem der dortige Aufenthalt ihnen so angenehm wie möglich gemacht werden. Die Vorstellung, mit Grabbeigaben Einfluss auf das Leben nach dem Tode zu nehmen, verschwand ‒ prunkvolle Gräber aber nicht. Die eigentlichen Grabstätten wurden nunmehr letztlich nicht für den Verstorbenen gestaltet, sondern für die Lebenden. Das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Aufwendige Grabmale sollen ein bleibendes Zeichen setzen für den Einfluss oder die Wirkung, die der hier Bestattete auf die Welt hatte. Und nicht zuletzt setzten sich die Nachfahren mit entsprechenden Grabmälern in Szene, denn sie zeigten, was sich die Familie leisten kann. Irrelevant für die Verstorbenen, ein Glück für die Lebenden: Deutschlands Friedhöfe sind voll von beeindruckenden Grabstätten, von denen viele unter Denkmalschutz stehen. Sie sind unverfälschte Zeugnisse ihrer Epoche, die den jeweiligen Zeitgeist widerspiegeln. Gemeinsam haben alle Friedhöfe, egal welcher Glaubensrichtung, dass sie den Zeitgeist konservieren und einen Blick auf die Vergangenheit bieten. Sie sind nicht nur bloße Begräbnisstätten, es sind persönliche und kollektive Erinnerungsorte und oft haben sich auch Gräber zu Wallfahrtsorten oder Pilgerstätten entwickelt. Aber auch kleine, unscheinbare Grabstätten haben eine Geschichte zu erzählen, wenn man sie denn zu Wort kommen lässt.
Die Idee, die Möglichkeiten des Internets zu nutzen, kam mir bei einem Besuch auf den Berliner Friedhöfen am Halleschen Tor. Anlass war die Übergabe von mit Mitteln aus dem Denkmalschutzsonderprogramm des Deutschen Bundestages sanierten Grabmälern. Hans Jürgen Schatz, Schauspieler und engagierter Retter von historischen Grabmälern, erzählte mir eine Fülle von Details zu den Grabmälern und den dort Bestatteten. Mit diesen Informationen bekam die Sanierung eine viel größere Bedeutung. Aber nicht jeder Besucher kann von einem so profunden Kenner die Hintergründe erläutert bekommen. Oder doch? Noch vor Ort fragte ich Hans-Jürgen Schatz, ob er sich vorstellen könnte, dass man auf seinem Smartphone eine App hat, mit der man die Grabstätten finden, und dann, wie bei einem Audioguide im Museum, Informationen hören kann. Er konnte. Das Projekt Friedhofs-App war geboren. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages stellte im November 2012 550.000 Euro bereit, um die Friedhofs-App »Wo sie ruhen« entwickeln zu können. Nach zwei Jahren intensiver Arbeit ging das Projekt im November 2014 an den Start. Die App enthält audiovisuelle Informationen über Ehrengrabstätten, Gräber berühmter Persönlichkeiten und Grabmahle mit herausragender architektonischer und kunsthistorischer Bedeutung. Die Kurzportraits zu den Grabstätten wurden von Hans-Jürgen Schatz eingelesen. Die Umsetzung des Projekts lag bei dem Unternehmen Hortec, Projektträger ist die Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg.

Insgesamt wurden 1007 Gräber auf 37 Friedhöfen in 16 Bundesländern aufgenommen. Die Zahl soll weiter steigen. Wer z.B. auf dem Heidelberger Bergfriedhof die Grabstätte der Familien Umbstätter und Weinkauff sieht, bekommt so zunächst nur die übliche Information, nämlich dass hier u.a. Susanne Magdalena Umbstätter ruht, die am 25. Dezember 1781 geboren und am 19. März 1852 verstorben ist.
Schon die ersten Zeilen des Beitrages auf »Wo sie ruhen« eröffnet eine ganz andere Welt: »Zu den kunsthistorisch interessantesten Grabdenkmälern des Bergfriedhofs gehört das neugotische Pfeiler-Grabmal der Familien Umbstätter und Weinkauff. Beigesetzt liegen hier Angehörige aus mehreren Generationen.
Die Grabstätte wurde im März 1852 erworben… Die Verstorbene war die Tochter von Johann Georg Umbstätter und dessen Ehefrau Elisabeth Katharina Weinkauff. Der Vater fungierte als letzter Reiseposthalter in Heidelberg. Posthalter stellten dem Inhaber des Postprivilegs als private Unternehmer Pferde und Kutschen zur Verfügung und besorgten den Pferde- und Fahrzeugwechsel. Oft waren sie auch zeitgleich Inhaber von Gasthöfen und konnten so ein Vermögen erwirtschaften. Die Technisierung des Verkehrs durch den Eisenbahnbau beendete die Posthalterära… – fast eine kleine Geschichtsstunde.

Grundsätzlich liegt die Kulturhoheit bei den Ländern. Der Föderalismus ist richtig und wichtig, gerade im kulturellen Bereich. Hier können die kommunalen Ebenen in der Regel am besten entscheiden, welche Förderungen für welche Projekte notwendig sind. Daneben hat der Bund in den vergangenen Jahren einen immer höheren Stellenwert in der Kulturförderung eingenommen. Im aktuellen Haushalt 2015 stehen ca. 1,34 Milliarden Euro auf Bundesebene für die Kulturförderung in Deutschland zur Verfügung. Damit wurde der Etat der Kulturstaatsministerin, wie in den vergangenen Jahren und entgegen des europaweiten Trends, durch den Haushaltsausschuss des Bundestages erhöht, in diesem Jahr sogar im Vergleich zum Regierungsentwurf um 9,6 Prozent.
Die 1,34 Milliarden Euro machen 0,4 Prozent und damit einen geringen Teil des Bundeshaushalts aus. Allerdings ist die Wirkung, die mit diesen Geldern erzielt werden kann, so hoch wie bei kaum einem anderen Ausgabeposten des Bundes. Als förderungswürdig werden Projekte eingestuft, die von nationaler Bedeutung sind oder eine besondere Innovationskraft versprechen. Im Optimalfall treffen, wie bei der Friedhofs-App, beide Merkmale zu.

 

Der Gastbeitrag von Rüdiger Kruse erschien in der Zeitung „Politik & Kultur“ (Ausgabe 1/2015) des Deutschen Kulturrats.

 

Die App „Wo sie ruhen“ finden Sie unter www.wo-sie-ruhen.de oder in Ihrem App-Store.