Kommentar: Frankreich nach dem Terror

Am 13. Januar, eine Woche nach den tragischen Ereignissen, die Frankreich erschüttert haben, hat der französische Regierungschef Manuel Valls eine bemerkenswerte Rede vor dem Parlament gehalten. Der Premierminister betonte, dass die Werte der Toleranz und der Freiheit, die mit der französischen Republik untrennbar verbunden sind, aus dem Terror nun gestärkt hervorgingen.

Zwar führt Frankreich einen Krieg gegen den Terrorismus und den radikalen Islam, aber dieser Krieg stellt auf keinen Fall den Platz der Muslime in der französischen Gesellschaft in Frage. Die Meinungsfreiheit, als bedrohtes Symbol der Demokratie, soll mit voller Kraft geschützt und gleichzeitig dürfen Hassreden nicht geduldet werden.

Die Rede wurde von der politischen Klasse einhellig begrüßt und verdeutlicht, dass es nicht reicht, diese Ereignisse isoliert zu betrachten. Die Terrorakte haben die Barbarei und Zivilisation einander gegenüber gestellt. Nun müssen auch gesellschaftliche Ursachen hinterfragt werden. Nach der Zeit des Trauerns und der Einheit wird eine starke politische Reaktion gefordert.

Die Terroranschläge in Paris stellen zweifellos für Frankreich ein Trauma dar. Dieses Trauma birgt für die Zukunft zwei Gefahren: die Herrschaft der Angst und die Herrschaft des Mitgefühls

 

Die Herrschaft der Angst

Die Angst vor dem Islam hat sich in der letzten Dekade innerhalb der französischen Gesellschaft verbreitet. Nicht von ungefähr entwirft der neue Roman von Michel Houellebecq („Unterwerfung“) das Szenario einer islamischen Machteroberung in Frankreich. Diese Angst, wie irrational und abstrakt sie auch sein mag, sollte von Politikern ernst genommen werden. Die höchste Priorität hierbei – die Wiederherstellung des Gefühls der Sicherheit.

Die Islamfeindlichkeit beruht nicht nur auf der verbreiteten Verkennung dieser Religion, sondern auch auf einer verzerrten Wahrnehmung der Bedeutung der muslimischen Zuwanderung. Und der populistische Diskurs des Front National verstärkt selbstverständlich diese Angst, die der Partei zu weiterem Erfolg verhilft.

Die französische Regierung betont, deutlich zwischen Islam und Islamismus zu differenzieren, umso mehr als bereits verschiedene Moscheen in den letzten Tagen überfallen wurden. Angst und Vernunft haben noch nie gut zusammengepasst. Das erlittene Trauma könnte dazu beitragen, die Islamophobie in Frankreich zu banalisieren. Um nun gegen den Populismus anzukämpfen, ist die Schaffung eines neue Narrativs und der Diskurs über den Platz des Islam in Frankreich notwendig.

 

Die Herrschaft des Mitgefühls

Mitgefühl, genau wie Empörung, haben insgesamt in der politischen Debatte an Bedeutung gewonnen. Die Verehrung der Opfer kennzeichnet unsere moderne Gesellschaft. Das Mitgefühl, das die Welt nun für die Opfer des Terrors empfindet, ist bewundernswert; es ist aber keine ausreichende Antwort auf das Trauma einer Gesellschaft.

Es wäre tatsächlich zu einfach, sich in die Welt der Gefühle zurückzuziehen, um die zu treffenden Maßnahmen zu ignorieren. („Compassionate conservatism“)

Die Franzosen müssen erkennen, dass ihre Integrationspolitik keine Pause duldet. Verlassene Vororte und überfüllte Gefängnisse haben die soziale Ausgrenzung verstärkt und von dieser Ausgrenzung profitieren alle radikalen Gruppierungen, auch die Djihadisten. Die emotionalen Reden der Linksparteien sind wichtig für eine Nation im Schock der Ereignisse, aber reichen langfristig nicht aus. Um Menschen mit Migrationshintergrund besser in die Gesellschaft zu integrieren wird von der französischen Politik vor allem eines nötig sein – Pragmatismus.

Die Franzosen sollen darauf stolz sein, französisch zu sein. Nicht als Opfer des Terrors, sondern als Träger bestimmter Werte, wie Freiheit und Toleranz. Und sie sollen kämpfen für einen besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, um diese Werte wieder lebendig werden zu lassen.


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Alexandre Robinet Borgomano studierte Politische Philosophie, Öffentliches Recht und Volkswirtschaft am Institut für Politische Studien in Paris (Institut d’études politiques de Paris) und ist seit September 2014 Mitarbeiter im Bundestagsbüro von Rüdiger Kruse in Berlin.