Berlin bekommt sein Schloss zurück? – Nein, die Welt bekommt das Humboldt-Forum!

Die Kommunisten haben „unser“ Stadtschloss gesprengt, „wir“ haben den Palast der Republik abgerissen. Im Fußball nennt man das ja Ausgleichstreffer, aber mit 1:1 wollte man nicht vom Feld gehen. Das Schloss wiederaufbauen – 2:1, also Sieg!

In vielen Städten ist es ein Wert an sich, wenn man das von Krieg oder Tyrannenherrschaft zerstörte Stadtbild wiederherstellt. Nicht so in Berlin. Berlin hat das nicht nötig. Noch nicht einmal, wenn Berlin nicht Hauptstadt wäre. Aber Berlin ist Hauptstadt, und wenn nun an so prominenter Stelle mit soviel Aufwand ein neues, alt anmutendes Gebäude entsteht, dann ist das auch ein Statement dieser Republik. Dieses Gebäude sagt aus: Deutschland saniert, rekonstruiert und das mit der gewohnten Gründlichkeit. Ist das das Deutschland des 21. Jahrhunderts? Nein, es ist die alte Bundesrepublik: solide, leicht uninspiriert und bloß nicht auffallen. Die Chance an dieser Stelle die Architektur des 21. Jahrhunderts zu bauen, eine echte architektonische Aussage zu treffen, ist also vertan. Das war sie, das möge man bitte berücksichtigen, bereits als Monika Grütters ihr Amt als Beauftragte für Kultur und Medien antrat. Und auch ihr Vorgänger Bernd Neumann ist ebenfalls nicht der Vater der Idee des Wiederaufbaus. Mithin ist es nur die Aufgabe der Kultur diese hohle Form zu füllen. Anderswo tut man dies in rekonstruierter Monarchen- oder Fürstenherrlichkeit mit Shopping Malls, in Berlin wollte man Höheres. Da es keinen Sinn macht, zu beklagen, was man nicht ändern kann, verbleibt die Frage: Was tun mit dem Schloss?

Drinnen nachholen, was draußen versäumt wurde. Zeigen, wie Deutschland sich heute versteht und morgen sein will. Die Ära Merkel, oder wem das zu personalisiert ist, die Post-Wiedervereinigungszeit, bedeutet die Öffnung der deutschen Gesellschaft, die Erneuerung dieser Gesellschaft und ihrer Kultur durch die Beziehungen zu anderen Kulturen. Zivilisationen entwickeln sich nur in der Auseinandersetzung mit anderen weiter. Das war und ist nicht immer einfach. Aber ohne die Auseinandersetzung, ohne die Übernahme fremder Beiträge, die Konkurrenz von Fähigkeiten und Erkenntnissen kann es keine Entwicklung geben. Der Erfolg von Deutschland beruht nicht zuletzt darauf, dass unter einer strukturkonservativen Oberfläche eine hohe Fähigkeit zur Anpassung und! zur Integration vorhanden ist.

Das Humboldt-Forum hat einen ethnologischen Schwerpunkt. Es ist das kulturelle Großprojekt der Bundesrepublik. Daher wird die Art, wie die Sammlungen präsentiert und verfügbar gemacht werden, die deutsche Positionierung zur Ethnologie sein. Und diese Positionierung kann aus meiner Sicht keine andere sein, als das Ende des Ethnozentrismus. Ein Museum für die deutsche Sicht auf die Welt wäre so retro wie die Fassade. In dieser Addition wäre es nicht nur langweilig, sondern eine Katastrophe. Es ist bis auf wenige Ausnahmen egal, wo ein Kunstwerk oder ein archäologisches Objekt heute steht, solange es zugänglich ist. Und damit meine ich nicht bloß, dass jeder sich das ansehen darf.  Wir haben unschätzbar wertvolle Sammlungen. Sie stammen aus aller Welt und sie gehören aller Welt. Es ist, unabhängig davon, wie sie hierher gekommen sind, ob gekauft, geraubt, oder geschenkt, durchaus eine Besonderheit und Ehre, dass sie in dieser Fülle an einem Ort versammelt sind. Daraus erwächst die große Chance und Verantwortung, dies allen Menschen auch verfügbar zu machen. Das Humboldt-Forum, benannt nach Wilhelm und Alexander von Humboldt, beides Forscher und Wissenschaftler, muss dieser Ort werden. Das nach ihnen benannte Forum sollte eine offene Plattform für Forscher und Kuratoren aus der ganzen Welt sein. Die Aufgabe der Kulturpolitik, die Demokratisierung der Kultur, macht nicht an den Landesgrenzen halt. Wir müssen Zugänge zur Kultur für alle schaffen. In unserem Land und, gerade weil es sich um das Humboldt-Forum handelt, auch außerhalb unseres Landes. Durch eine virtuelle und interaktive Präsentation der Objekte und! Archivmaterialien, die sich im Humboldt-Forum befinden, können sich Menschen aus aller Welt mit ihrer eigenen Kultur beschäftigen, Neues entdecken und vergleichen. Augmented Reality – die mit technischer Hilfe erweiterte Realität – wird ein wesentliches Stichwort bei der Ausstellungsgestaltung sein. Informationen bereitzustellen, die über den Anblick des konkreten Objektes hinausgehen. Verfügbar vor Ort und in aller Welt. So wird eine (Wieder-)Aneignung für jeden möglich.

Wie eigentlich bei jeder Kulturinstitution muss hier erst recht klar sein: Lasst sie arbeiten! Schon bei einem normalen Museum ist es nicht Aufgabe der Politik oder der Verwaltung zu entscheiden, wann wo wie welche Bilder gehängt werden, welche Ausstellungen gemacht werden. Wie für die Wirtschaft soll auch hier die Politik den Rahmen schaffen. Das muss und kann (nur) die Politik. Mehr nicht. Das ist auch besser für jede Ministerin oder jeden Minister. Wenn das Humboldt-Forum wirklich gut wird, dann wird es auch immer wieder Kontroversen geben. Auf die Freiheit der Kunst können sich Politik und Verwaltung nur dann beziehen, wenn sie die Strukturen so geschaffen haben, dass diese Freiheit auch real ist. Die Aufgabe der Politiker ist es, alle paar Jahre über die Intendanz zu entscheiden und die materiellen Rahmenbedingungen für exzellente Arbeit bereitzustellen. Ein regelmäßiger Ausstellungsbesuch ermöglicht den Politikern ebenfalls, von diesen Ideen und Kenntnissen zu profitieren.

Kein deutsches ethnologisches Museum, sondern ein ethnologisches Museum der Welt in Deutschland muss das Humboldt-Forum werden. Mit dieser zeit- und zukunftsgemäßen inneren Form gelangen wir auch zu einer Begründung für die rückwärtsgewandte äußere Form: sie ist dann Anspielung auf das frühere, ethnozentrische Weltbild. Beides gemeinsam bildet somit den Spannungsbogen, der mehrere Jahrhunderte unserer Auseinandersetzung mit der Welt und unseres Blickes auf die Welt umfasst. Die Chance ist noch nicht verbaut, das Humboldt-Forum kann ein großartiges Statement des heutigen Deutschlands werden: offen für die Weiterentwicklung (Weiterentwicklung ist das Gegenteil von Aufgabe) unserer Kultur durch das Zusammenkommen mit den Kulturen der Welt.

Foto 3_Copyright Marcus RennerRüdiger Kruse (CDU) ist Berichterstatter für Kultur, Medien und das Bundeskanzleramt im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages