Driften Europa und die USA auseinander?

Jüngst hat die Bundeszentrale für politische Bildung ein Buch mit dem Titel „Was ist mit den Amis los?“ herausgegeben. Allein diese Tatsache illustriert, dass sich unser Verhältnis zu den USA mittlerweile zwiespältig gestaltet. Denkt man beispielsweise an die NSA-Affäre, löst die Phrase „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ eher Misstrauen als Träumereien aus.


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Am 27. September 2016 lud Rüdiger Kruse unter dem Titel „Driften Europa und die USA auseinander? – Gemeinsamkeiten und Trennendes“ zu einem Diskussionsabend mit Prof. Dr. W. Michael Blumenthal ein. Blumenthal wurde 1926 in Oranienburg bei Berlin als Sohn einer jüdischen Bankiers-Familie geboren, es gelang seiner Familie 1939 mit einem der letzten Schiffe von Deutschland in Richtung Shanghai zu fliehen. Dort verbrachte er seine Jugend unter teilweise schlimmen Bedingungen. Aber er und seine Eltern überlebten. Als junger Mann wanderte er nach Ende des zweiten Weltkrieges in die USA aus. In seiner neuen Heimat machte Blumenthal Karriere und bekleidete u.a. das Amt des Finanzministers unter Präsident Jimmy Carter. 1997 wurde er zurück nach Deutschland berufen: Als Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin gelang es ihm, das größte jüdische Museum Europas mit aufzubauen.

Im Gespräch mit Kruse erklärte Blumenthal, dass der weltweite Hang zum politischen Populismus das Resultat wachsender Umwälzungen in Technik und Gesellschaft sei. Verunsicherte Bürger würden vielerorts mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen geködert. Im Hinblick auf die irritierenden Äußerungen des Präsidentschaftskandidaten Donald Trump sollten sich die Deutschen allerdings keine Sorgen machen. „Keep your cool“, mahnte Blumenthal das Publikum. Trump wisse genau, dass seine fragwürdigen – und dennoch beliebten – Forderungen in letzter Instanz von Verfassung und Kongress aufgehalten würden. Blumenthal äußerte die Vermutung, dass seine Parteikollegin Hillary Clinton das Rennen um das Weiße Haus ohnehin für sich entscheiden wird.

Der US-Wahlkampf stellt nur eines der vielen Phänomene dar, die aus deutscher Sichtweise für Irritationen sorgen und von Blumenthal an diesem Abend aus amerikanischer Perspektive eingeordnet wurden: Die Haltungen zu Privatsphäre und Datenschutz, Kulturförderung sowie der Themenkomplex „Europäisches Vorsorgeprinzip vs. amerikanische Nachsorge “ bilden weitere Gesprächspunkte in dieser Reihe. Trotz unleugbarer Spannungsverhältnisse befürchtet Blumenthal jedoch kein irreversibles Auseinanderdriften zwischen Europa und den USA. Dies könnte sich keine der beiden Seiten erlauben, allein schon unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten.