Der Vortänzer – Beitrag in der Zeitschrift tanz

Es ist richtig, ich engagiere mich für die Tanzförderung. Aber ich setze mich nicht speziell für Tanz ein. Das kommt den Betroffenen nur so vor. Dem gleichen Trugschluss unterliegen auch die Jazzer, die Clubbetreiber, die Denkmalschützer und die Freunde klassischer Musik oder der Bilder der Moderne. Ich engagiere mich für eine Verbreiterung des kulturellen Angebotes und setze mich für Exzellenz ein. Wenn Sie die Pyramide vergrößern wollen, brauchen Sie eine breitere Basis und eine höhere Spitze.

Tanz hatte in der Vergangenheit eine deutlich geringere Förderung als andere Angebote. Eine Situation, die in der Regel bedeutet, dass man mit überschaubaren Mitteln große Fortschritte erzielen kann. Und das ist in den letzten Jahren auch gelungen. Wir konnten die Basis verbreitern durch die Tanzplattform und wir konnten Akzente setzen, die insgesamt ausstrahlten.

Der erste Akzent war das Bundesjugendballett. Das Bundesjugendballett hat auch die netteste Entstehungsgeschichte.

Ich traf John Neumeier beim Matthiae-Mahl in Hamburg, genauer gesagt standen wir gegen Mitternacht zusammen in einem der Säle des Hamburger Rathauses und tranken Kaffee. Ich erwähnte, dass ich im Haushaltsausschuss für Kultur zuständig sei, er musste nicht erwähnen, dass er Intendant des Hamburger Balletts ist. Zum Abschied sagte ich: „Wenn Sie mal ein spannendes Projekt haben, rufen Sie mich an.“

Schon 4 Tage später sagte mir meine Büroleiterin in Berlin: „Da ist ein John aus Moskau am Telefon?“

Er hatte ein Projekt. Seine Idee sei nicht neu, tatsächlich wolle er das seit 25 Jahren machen, die Hamburg Young Company. Und alle Senate in Hamburg hätten ihm stets versprochen, sie würden es ermöglichen, wenn es der Haushalt hergäbe. Nun, mit dieser salvatorischen Klausel wurde schon vieles auf den St. Nimmerleinstag verschoben. Die Idee war, wie viele gute Ideen, einfach: 8 Tänzer erhalten nach Abschluss der Ballettschule zwei Jahre lang die Chance in einer kleinen Truppe hoch intensiv zu arbeiten, bei jeder Produktion dabei zu sein und so einen perfekten Feinschliff zu bekommen. Wir trafen uns zweimal in Hamburg und schließlich stand das Konzept für das Bundesjugendballett. Ein Name, der so wunderbar aseptisch amtlich ist, dass es einfach klappen musste.

Mit John Neumeier als Initiator war es unproblematisch, diese junge Companie von Anfang an auf Internationalität auszurichten. Noch im gleichen Jahr wurde das Projekt für die ersten vier Jahre bewilligt. Das Konzept war gewinnend, und schon das erste Jahr überzeugte restlos.

Zum Konzept dieser „ersten Generation“ gehörten Auftritte an besonderen, unüblichen Orten. In Schulen, Seniorenresidenzen, in ausgedienten Schwimmbädern und sogar im Gefängnis, hier unter Mitwirkung der Insassen, wurde getanzt. Auch an den Ort, an dem die Gründung des Bundesjugendballetts Materie wurde, kam die Companie. Zum Tag der Ein- und Ausblicke 2012 zeigten die 8 jungen Tänzer bei strahlendem Sonnenschein auf der Besucherterrasse des Reichstages direkt vor der Kuppel ein Stück über den starren Gehorsam in der Zeit der Pogromnacht am 9. November 1938 bis zum Entsetzen über die Toten des Krieges. In der jeweiligen Muttersprache resümierten die Tänzer über Sinn und Ursprung von Kriegen. „ Krieg ist ein wunderbares Spiel, aber das schlimmste Leben“. Ein Stück, das passender für diesen historischen Ort nicht sein konnte, begeisterte nun auch Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert. Als ich, viele Monate zuvor, meinen Antrag zum Auftritt bei ihm stellte, war schon ein wenig Skepsis zu spüren. Ein Ballett im Reichstag, diesem ehrwürdigen, rein politischen Ort, auf der Freifläche vor der Kuppel, das gab es schließlich noch nie. Aber seine Kunstaffinität siegte und es wurde großartig. Inzwischen ist die „zweite Generation“ dabei, ein eigenes Profil zu entwickeln, aber auch aus den Erfahrungen ihrer Vorgänger zu lernen. Gerade ist die finanzielle Förderung für die zweiten vier Jahre vom Bundestag bewilligt worden. Das BJB ist ein Benchmark in Bezug auf Exzellenz des Projektes als auch bezüglich des Fördervolumens.

Das mit dem Benchmark ist für mich inzwischen zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Zahl und Umfang der Projektideen nehmen zu. Naheliegend war ja, was wir scherzhaft Bundesaltenballett nennen: Ein Konzept, dass da anfängt, wo die (der) Jugend(-kult) endet: „Dance on“, ein Projekt für Tänzer über 40. Mit der Veränderung der Gesellschaft verändert sich auch der Blick auf die Generationen.

Von Pina Bausch kennen wir das, Tänzer, die mit der, und die Companie mit ihnen, wachsen. Pina Bausch ist dann ein weiteres Thema der vom Parlament initiierten Tanzförderung. Dem Pina Bausch Archiv folgt nun der erste Schritt zum Pina Bausch Tanzzentrum. Wuppertal hat eben mehr, als nur die Schwebebahn. Richtig gespielt, ist Pina Bausch eine Trumpfkarte für diese Stadt. Oftmals ist es weit klüger, für weniger Geld Kultur zu fördern, als einen weiteren, unwirtschaftlichen Regionalflughafen zu bauen und dann
vergeblich auf Flugzeuge zu warten. Neben der Begeisterung für Kultur hilft manchmal auch der sachliche Hinweis auf wirtschaftlichen Nutzen von Kultur.

Politik ist immer eine Mischung aus Emotion und Ratio. Wohl dem, der beides anspricht. Auch wenn Kultur für viele immer noch das, im Zweifel verzichtbare, Sahnehäubchen auf dem Kuchen ist, dann ist der Tanz die Verzierung des Sahnehäubchens – beides Einschätzungen, die zu ändern sind.
Der Tanz kommt in der Regel nach Theater, Oper und Konzert.

Das könnte sich ändern, je mehr Publikum der populären Musik sich ihm zuwendet. Es gibt kaum ein Video, das ohne Tanz auskommt. Und tatsächlich finden sich in Aufführungen der Opernhäuser Elemente wieder, die wir zuvor nur in Hiphop Videos gesehen haben. Und kleine Companies treten an Orten auf, in die sich früher kein Bürgerlicher verirrt hätte. Und Tanz ist vor allen anderen die Kunstform, die junge Leute in die Opernhäuser bringt.

Wie kann dieser Prozess beschleunigt werden?

Natürlich durch mehr Angebote. Tanz bietet die Möglichkeit, sich mit Körperlichem und Geistigem gleichzeitig auseinanderzusetzen. Beim Tänzer erfolgt das natürlich in höchstem Maße, aber auch beim Zuschauer. Das ist für unsere Gesellschaft nicht schlecht. Denn bei aller gelebten Offenheit sind wir doch immer etwas steif.

Die Zeit in der Schule sollte vor allem zu einer umfassenden Bildung von Körper und Geist genutzt werden. An einigen Schulen, gern in Problemstadtteilen, werden Kooperationen mit Tanzcompanies eingegangen. Es wäre aus meiner Sicht empfehlenswert, diese auf alle Schulen auszuweiten und nicht darauf zu warten, bis durch Medienberichte über katastrophale Zustände an der jeweiligen Schule der Impuls heranwächst, jetzt müsse man endlich mal was für diese Schüler tun. Wir sollten grundsätzlich für alle Schüler viel mehr für deren umfassende  Bildung tun. Tanz ist interdisziplinär, umfasst Musik, Bewegung und, ob in der Genese oder der Rezeption, Text. Dieses Potential muss die Tanzszene, wenn sie denn mehr Unterstützung will, aktiv vermitteln. ‚Tun wir ja!‘ höre ich da sofort. Stimmt.

Ohne das Engagement von Freund, Ritter, Waltz, Ollertz, Neumeier und Co. wäre ich wohl nicht gewonnen worden. Und was bei mir gelingt, gelingt auch bei anderen. Wie jeder Lobbyist muss auch der Kulturlobbyist davon überzeugen, dass sein Anliegen nicht nur gut, sondern prioritär vor anderen ist. Dabei macht es im Kulturbereich wenig Sinn, sich gegenseitig auszustechen. Dafür sind die Entwicklungsmöglichkeiten des Etats noch viel zu groß. Erst wenn der Bundeskulturetat auf 3 % des Gesamthaushaltes kommt, geht es ans Umverteilen. Bis dahin heißt es gemeinsam für immer neue, gute Projekte streiten. Heute steht, trotz der vielen Erhöhungen der letzten Jahre der Kulturetat bei 0,4 %. Es ist also noch ausreichend Luft nach oben.

 

Der Artikel erschien in der Ausgabe 01/2015  von tanz . Zeitschrift für Ballet, Tanz und Performance