Buchbeitrag: Das Anthropozän – Zum Stand der Dinge

So lautet der Titel eines Buches, das Ende vorigen Jahres von den Professoren Jürgen Renn (Direktor Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte) und Bernd Scherer (Intendant des Hauses der Kulturen der Welt Berlin) herausgegeben wurde.

In diesem Buch erläutern verschiedene Wissenschaftler aus ihrer Sicht die Frage der nicht mehr reversiblen Einflüsse des Menschen auf die Erde. Paul Crutzen und Eugen Stoermer haben den Begriff Anthropozän im Jahr 2000 vorgeschlagen. Er soll eine neue geologische Phase beschreiben, das Zeitalter des Menschen. Damit würden Menschheits- und Erdgeschichte nicht mehr getrennt voneinander, sondern untrennbar, sich stets gegenseitig beeinflussend, betrachtet. Noch vor einigen Hundert Jahren galten die Ressourcen der Natur als unerschöpflich, als frei verfügbare Ressource. Heute wissen wir, das war ein großer Irrtum. Durch die immer stärkeren Eingriffe des Menschen in die Natur, rasanten Abbau von Bodenschätzen, Verunreinigungen von Luft, Böden und Wasser kam es zu spürbaren Klimaveränderungen. Diese wieder sind Ursache von Dürre und Überschwemmungen in vielen Teilen der Welt. Der Mensch, Anthropos, ist zum Täter geworden, gleichzeitig aber auch zum Opfer. Die Einflüsse des Menschen auf die Erde sind so gewaltig und nicht mehr rückgängig zu machen. Darum ist es Zeit, dass wir uns dieser Tatsache bewusst werden und das menschliche Verhalten erforschen und in den Mittelpunkt der Epoche stellen.

 

Rüdiger Kruse diskutiert in seinem Beitrag zu diesem Buch das Thema:

Was ist politisch an der Frage, ob es das Anthropozän gibt? Alles, aber auch nichts. Für die Grundlagenforschung ist die Wissenschaft zuständig, frei und unvoreingenommen, ergebnisoffen. Die Möglichkeiten aber, die Voraussetzungen für Wissenschaft und Forschung, müssen von der Politik, vom Parlament geschaffen werden, das ist Demokratie. In seinen Ausführungen geht Rüdiger Kruse auf die wichtige und unabdingbare Rolle der Kunst als Vorreiter verschiedener Entwicklungsphasen ein. Die ersten Vorstellungen der Funktion eines Smartphones erhielten wir wohl alle in den Filmen über das Raumschiff „Enterprise“. Hier hat Kunst, der Film, eine technische Entwicklung fiktional dargestellt, heute halten wir diese Fiktion, etwas abgewandelt, täglich in der Hand. Den Diskurs zur Frage des Anthropozän hat das Parlament als ergebnisoffenen Prozess an das Haus der Kulturen der Welt in Berlin gegeben. Dort trafen sich über 3 Jahre Wissenschaftler, Filmschaffende, Journalisten und Studierende verschiedenster Fachrichtungen aus aller Welt, die sich mit dem Thema des menschlichen Einflusses auf die Erde, mit dem Anthropozän, befassen. Damit hat die Politik, das Parlament, haben die Abgeordneten, ein Zeichen gesetzt. Das Thema ist so wichtig, dass sie die Rahmenbedingungen für eine breit angelegte Diskussion und Forschung finanziell setzen wollten. Uns Menschen wird durch die Diskussion zum Anthropozän auch die Verantwortung bewusst, die wir gewollt oder ungewollt haben.

Seite 260 schrieb Rüdiger Kruse dazu: „Ich glaube, dass die Erkenntnis, dass wir im Zeitalter des Menschen leben, die Demut befördern wird. Weil wir die Verantwortung nicht mehr abgeben können, weil wir uns nicht damit trösten können, dass die Natur etwaige Fehler schon korrigieren wird, weil wir nicht mehr in eine heile Natur jenseits des Horizonts fliehen können.“

 

(ISBN 978-3-95757-153-3, Matthes & Seitz Berlin)