Das Anthropozän-Projekt. Ein Bericht

Ein Kommentar von Rüdiger Kruse:

Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages war in seinen Beratungen des Haushaltes 2011 meinem Vorschlag gefolgt und hat dem Haus der Kulturen der Welt (HKW) die finanziellen Mittel für das Projekt „Anthropozän“ bereitgestellt. Unüblich für den politischen Betrieb wurde das Projekt völlig ergebnisoffen gestartet, es wurden keine Zielvorstellungen oder Richtlinien vorgegeben. Einem künstlerischen Projekt dieser gesellschaftlichen Relevanz, das in seiner Gestaltung dem System der Wissenschaft so nahe kommt, sollten wir umso mehr die gleichen Werte zugestehen – Objektivität und Freiheit.

Heute können wir festhalten, dass sich dieses Vorgehen und der Einsatz für das Projekt gelohnt haben. Auch Kolleginnen und Kollegen unter den Abgeordneten, mit denen zusammen ich immer mal wieder den Weg in das nur wenige hundert Meter von unserem Arbeitsplatz entfernte Haus der Kulturen der Welt unternommen habe, waren von den Veranstaltungen der Anthropozän-Reihe ausnahmslos begeistert.

Für mich ist das Projekt „Anthropozän“ Grundlagenforschung. Es geht im Kern nicht um diese oder jene praktische Erkenntnis, sondern um Fragen, die den Hintergrund unseres Denkens bilden. Was heißt es, wenn der Mensch für so ziemlich alles, was auf der Erde passiert, verantwortlich ist – quasi als zweite Führungsebene direkt nach Gott? Ganz am Ende der Kette schlägt sich die Art und Weise, wie man mit so einer Frage umgeht, ganz konkret in Bereichen wie der Technikfolgenabschätzung nieder.

Insgesamt ist anzustreben, dass das HKW sich zu einer ‚Denkplattform‘ weiterentwickelt. Dafür ist es schon auf Grund seiner Lage, in unmittelbarer Nähe zu Bundestag und Bundeskanzleramt prädestiniert. Viele der Projekte sind bereits jetzt für den gesellschaftspolitischen Dialog äußerst wertvoll, so zum Beispiel die parallel zu Anthropozän gezeigte Ausstellung Forensik.
Es gab in dieser Ausstellung beispielsweise ein Projekt, in dem es um die Dokumentation von Drohnenangriffen in Pakistan und Gaza ging. Mithilfe von Satellitenbildern, Medienberichten, Aussagen von Zeugen am Ort und, soweit vorhanden, Bodenaufnahmen, hatte ein Team von Forschern digitale Simulationen einzelner Drohnenangriffe produziert. Die Resultate, die zum Teil in deutlichem Widerspruch zu den Aussagen der US-Armee standen, wurden Initiativen zugänglich gemacht, die eine stärkere Haftbarmachung der kriegsführenden Parteien für die Folgen von Drohnenangriffen fordern. Sogar der UN-Sonderberichterstatter für Terrorismusbekämpfung und Menschenrechte nahm sich am Ende der Sache an. Sicherlich – dieses Projekt hätte auch eine Journalistenakademie realisieren können. In anderen Fällen hätten Aspekte des Themas „Anthropozän“ von einem geologischen Forschungsinstitut abgedeckt werden können. Aber das HKW erreicht eine weitaus vielfältigere Zielgruppe als ein Nachrichtenmedium oder eine wissenschaftliche Institution.
Unter der Beteiligung von Experten aus einer Vielzahl verschiedener Disziplinen und Institutionen, können hier Dinge in einer wirklich offenen  Herangehensweise thematisiert werden, ohne die Notwendigkeit, mit künstlerischen Projekten unmittelbar wirtschaftlich erfolgreich zu sein, ohne die ungeschriebene Agenda beachten zu müssen, die innerhalb einer wissenschaftlichen Community gilt, und letztlich ohne Vorgabe, einer politischen Linie zu folgen. Diese Offenheit macht das HKW für die vielen, an den Projekten beteiligten Künstler und Wissenschaftler und auch für die Öffentlichkeit so interessant.“