Allmacht in Demut – Handeln im Anthropozän

Der folgende Artikel erschien in der Ausgabe 3|16 von “Politik & Kultur”, der Zeitung des Deutschen Kulturrats.

Was soll politisch daran sein, wenn Wissenschaftler feststellen, dass die Sedimente, die auf den Menschen zurückzuführen sind, so signifikant sind, dass sie einen Abschnitt der 4.500.00.000 Jahre alten Erdgeschichte definieren? Alles. Das Anthropozän ist politisch ein so tiefer Einschnitt wie die Evolutionstheorie. Die Evolutionstheorie negiert nicht den Schöpfer, sie stellt uns in eine Reihe mit den Mitgeschöpf(t)en. Das Anthropozän stellt fest, dass wir uns die Erde untertan gemacht, also den biblischen Auftrag erfüllt haben. Es ist vollbracht, wir Zauberlehrlinge stehen vor unserem Werk. Und anders als der Schöpfer am Ende der Genesis kann über uns nicht so recht gesagt werden: Und sie sahen, dass es gut war. Menschenwerk halt. Beeindruckend, bedrückend, bedrohlich, begeisternd. Es gibt gute Gründe zu sagen, es ist noch nicht fertig. Darin liegt die Chance. Die Bestimmung von Erdzeitaltern ist bisher politisch nicht relevant gewesen. Kreidezeit? Holozän? Nur das Leugnen der Erdgeschichte wäre politisch von Bedeutung. Mit dem Anthropozän wird das, wird alles anders. Epoche, Periode, Ära, Äon, Holozän, Quartär, Känozoikum, Phanerozoikum ,- die Beschäftigung mit diesen Begriffen kann ein Politiker als interessantes Hobby angeben, für seinen Alltag hat es keine Relevanz. Auch die Frage, ob das Anthropozän nun eine Epoche, eine Periode oder gar eine Ära ist, ist etwas für Feinschmecker. Als Politiker an einer solchen Debatte an einem Abend teilzunehmen hat etwas anregendes, es ist ideal für einen guten Salon, aber das war’s dann auch. Entscheidend ist aber: Mit dem Anthropozän gibt es keine Entschuldigung mehr, keine Relativierung, keine Rettung vor uns selbst. Der Rest unserer Unschuld, den wir irgendwie aus dem Paradies noch mit herüber genommen haben, der an uns haften blieb, ist verloren. Das Feigenblatt, das uns exkulpierte, ist fort. Wir sind nackt. Aber nicht in diesem üblichen Sinne, wo Nacktheit für Blöße, für Schwäche, für Ausgeliefert- und Verlorensein steht, sondern im Sinne von roh, brutal, unverhüllt. Es lässt sich nicht mehr verstecken, wir sind es, wir sind die Herren der Welt (nicht – wie bislang – des Universums). Ja, wir reisen selbst auf dem Raumschiff Erde mit, aber wir sind die Piloten. Wir entscheiden, was auf dieser Erde, was mit dieser Erde passiert. Vulkanausbrüche und Erdbeben sind die letzten Naturgewalten, die von uns unbeeinflusst Schicksal spielen. Wir sind wie Phaeton, der sich das Lenken des Sonnenwagens von Helios ausbedang, von der Bahn abkam und größte Zerstörung über die Welt brachte. Er wurde durch einen von Zeus geschleuderten Blitz gestoppt. Auf Zeus können wir lange warten. Wir müssen den Wagen selbst stabil in der Bahn halten. Es gibt also keine Rettung, wenn nicht durch uns selbst. Die Natur als Sehnsuchtsort, als Antipode zum Moloch der Metropolen, die da unbeeinflusst um uns existiert, die gibt es nicht mehr. Weder rettend noch bedrohend. Sie ist kein Zufluchtsort mehr, keine Alternative, sie ist auch nicht mehr das Bedrohliche, dem man die menschliche Existenz abtrotzen muss. Ihre Wälder bieten keinen Schutz mehr, aus ihren Wäldern kommen keine gefährlichen Kreaturen mehr, die unser Überleben infrage stellen könnten. Am anderen Ende der Meere fällt man schon lange nicht mehr herunter, noch liegt dort ein neuer Kontinent, auf dem wir ein besseres Leben starten könnten. Alles entdeckt, alles erobert, alles mit einer Schicht unserer Wirkungsmacht überzogen. Ob die Meere genügend Fische für uns hergeben, bestimmen wir, nicht die Natur. Wenn große Seen oder selbst Meere austrocknen, dann ist das kein Naturereignis, sondern Kollateralschaden unseres Handelns. Die Festlegung eines Zeitalters des Menschen ist keine Ermächtigung, die Selbstermächtigung ist längst erfolgt. Sie ist die Zuweisung der kompletten Verantwortung. Ist das Blasphemie? Nein. Die Welt entwickelt sich nicht entlang eines göttlichen Plans. Gott, wie wir durch den Karfreitag wissen, leidet mit uns, aber er bestimmt uns nicht. Er greift nicht ein. Also taugt auch dieser Exkulpierungsversuch nicht. Man kann eben alles delegieren, nur nicht die Verantwortung. Verantwortung zu übernehmen fällt umso schwerer, je mehr Ort und Zeit des Handelns mit Ort und Zeit der (Neben-)Wirkung auseinanderfällt. Wenn wir heute Kohle verbrennen, dann sichert das hier und jetzt die Energieversorgung und trägt zugleich dazu bei, dass in einigen Jahrzehnten flache Küstenregionen überflutet werden. Daran ändert das Anthropozän nichts. Aber es verstärkt das Bewusstsein, verantwortlich zu sein. Es macht uns klar, dass es nicht einen übergeordneten Regelungsmechanismus gibt, kein System, das unsere Einflüsse kompensieren könnte. Dieses Ausmaß an Verantwortung, das nahezu aus der Allmacht folgt, macht demütig. Oder wahnsinnig. Ich bin gegen Wahnsinn in der Politik.

 

Rüdiger Kruse ist Mitglied des Deutschen Bundestages, Hauptberichterstatter für Kultur und Medien im Haushaltsausschuss und Beauftragter für maritime Wirtschaft der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

 

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